Entstehung
1300 bis 1500
Balingen war nach der Erhebung zur Stadt 1255 durch die Grafen von Zollern gegenüber dem Dorf mit Pfarrkirche (heute Friedhofskirche) auf einer Landzunge zwischen Eyach und Steinach als neue Siedlung angelegt. Im Zuge des Ausbaus war sie mit einer doppelten Stadtmauer umgeben – innere Mauer und vorgelagerte Zwingermauer.
Seit der 1288 vollzogenen zollerischen Erbteilung durch Graf Friedrich V. gehörte die Stadt Balingen als Verwaltungsmittelpunkt zur Herrschaft Schalksburg. 1372 erfolgte der Neubau der Stadtburg (Zollernschloss) als Residenz der Grafen von Zollern-Schalksburg. 1403 verkauften Graf Friedrich V. von Zollern-Schalksburg und seine Ehefrau Verena Gräfin von Kyburg nach dem Tod des einzigen Sohnes Friedrich VI. die Herrschaft Schalksburg für 28.000 Gulden an Graf Eberhard III. von Württemberg (Hirschguldensage). Die Balinger Stadtburg wurde anschließend Sitz der württembergischen Obervögte.
Um 1483 erfolgte der Neubau des sogenannten Wasserturms als südöstlicher Wehrturm der Burganlage und zugleich der Stadtbefestigung. Der 1649 neu angetretene Obervogt berichtet von schweren Beschädigungen und der Unbewohnbarkeit des Schlosses und Reiterhauses – vermutlich infolge der Beschießung der Stadt durch die Franzosen 1647. Das Reiterhaus „so altershalben sehr übel zergangen, meistentheils eingefallen und unmöglich zu sonderbahrem Nuzen wiederumb auszuflicken …“. Die Laubengänge und der Verbindungsgang zum Turm waren baufällig, die äußere Wehrmauer teilweise eingestürzt.
Um 1650 begann der Neubau des Reiterhauses unter Herzog Eberhard III. von Württemberg auf den Grundmauern des Vorgängerbaus. Im Jahre 1680-1682 erfolgten Umbau- und Modernisierungsarbeiten am Schloss. Mit der Aufhebung der württembergischen Obervogteien 1735 verließ der letzte Obervogt das Schloss. 1753 wurde das Zollernschloss zum Preis von 1.800 Gulden an die Privatleute Pfeiffer und Haasis versteigert; der Turm blieb in herrschaftlichem Besitz.
Um 1825 erfolgte die Einrichtung von Gefängniszellen im sogenannten Wasserturm (bis 1910), 1858 wurden im Reiterhaus eine Brauerei, eine Wirtschaft, Gästezimmer und eine Wohnung eingerichtet. 1920 erwarb die Stadt Balingen das Schloss mit Nebengebäude und Wasserturm für 65.000 Mark. Im Reiterhaus wurden in Folge zwei Wohnungen eingebaut, der Wirtshaussaal wurde zur Jugendherberge. 1925 gab es eine baupolizeiliche Forderung, am Schloss Sicherungsmaßnahmen durchzuführen oder es abreißen zu lassen, 1934 erfolgte die Instandsetzung des Wasserturms durch den Staat.
1935 sollten im Schloss Räume für das Heimatmuseum und für die Hitlerjugend eingerichtet werden, wegen Baufälligkeit wurden jedoch Abriss und Wiederaufbau im Sinne einer Rekonstruktion unter Teilverwendung von Altbausubstanz beauftragt. Nach der Fertigstellung 1937 folgten die Einrichtung von Räumen für die Hitlerjugend und 1943/1944 die Eröffnung des Heimatmuseums. 1972 eröffnete das Museum für Waagen und Gewichte im ersten Obergeschoss. Das Reiterhaus wird als Jugendgästehaus genutzt.
Das Zollernschloss in Balingen geht zurück auf die spätmittelalterliche Burganlage der Grafen von Zollern-Schalksburg. Es bildet die Südostecke der ehemaligen Stadtbefestigung und überdeckt mit seiner Kernanlage eine rechteckige Grundfläche von 22 mal 30 Metern. Als Hauptbauwerke gelten die noch erhaltenen beziehungsweise wieder aufgebauten Gebäude: Der Hauptbau (A) von 1372, entstanden unter den Grafen von Zollern-Schalksburg, wieder aufgebaut 1935-1937; der sogenannte Wasserturm (B), unter den Grafen von Württemberg etwa 1483 aufgestockt als Eckturm der Burganlage; das Reiterhaus (C), um 1650 auf älteren Grundmauern des Gesindehauses neu aufgebaut. Zur Süd- und Ostseite stehen noch die Stadtmauer mit Zwinger (K) und die Zwingermauer. Dazwischen liegt der Burghof (D). Nord- und Westseite waren zur Innenstadt durch einen 8 bis 10 Meter breiten, wohl schon 1809 verfüllten Graben (F) mit Kontereskarpe (O) gesichert. Etwa in der Mitte zur Westseite lag die Brücke (G) mit Burgtor (H).
Günter Schmitt
Markantestes Gebäude ist der dreigeschossige Schlosshauptbau (A). Dendrochronologisch konnte das Fachwerkgeschoss der ersten Zollernburg in die Zeit um 1371/1372 datiert werden (Uhl). Er überdeckt eine Grundfläche von 11,60 mal 16,50 Metern, ist mit zwei Geschossen massiv aufgemauert und besitzt ein über den massiven Bauteil vorkragendes Fachwerkobergeschoss mit steilem Krüppelwalmdach und Rauchloch. Buckelquader und Quader an den Gebäudeecken und eingestreut im Sockelbereich weisen auf wiederverwendetes Baumaterial eines möglichen zur Zeit der Stadtgründung entstandenen ersten Vorgängerbaus hin. Im Jahre 1649 wurde im Zuge einer Schilderung des schlechten Bauzustandes berichtet: „… hatt ein geringen Keller, Stallung uff 10 Pferdt, im übrigen mehr nit als 5 Stuben, 6 Kammern groß und klein, auch außer dessen kein Blatz darinnen einigen Schöffeln Frucht in Verwahrung zu halten…“.
Die Bestandspläne weisen im Erdgeschoss auf eine zweischiffige Halle mit Flachdecke und hochgelegenen Fenstern hin. Bauzeitliche und spätere Raumgliederungen sind temporär anzunehmen. Der Haupteingang (1) führt in das neue Treppenhaus (2). Eine Wand trennt diesen Bereich von einem als Veranstaltungsraum genutzten Saal. Der Altbau besaß im ersten Obergeschoss einen ostseitig angeordneten großen Saal, einen schmalen süd-nord-gerichteten Querflur und kleinere Räume am Westgiebel. Der heutige Saal (10), früher als Rittersaal bezeichnet, entspricht im Raumzuschnitt dem bauzeitlichen Zustand. Im Original erhalten sind noch zwei Wandständer, die Mittelstütze wurde rekonstruiert. Von hier führt ein gedeckter Verbindungssteg (12) zum Wasserturm (B).
Auf dem massiven Unterbau sitzt das gänzlich in Ständerbauweise erstellte zweite Obergeschoss. Es ist dreischiffig und überkragt auf allen vier Seiten. Die Aussteifung der Außenwände erfolgt an den Ständern über Kopf- und Fußbänder, die Gefache sind dreifach ausgeriegelt und ausgemauert. Ein breit angelegter süd-nord-gerichteter Korridor (13) ist der Erschließungsmittelpunkt für die jeweils zwei Räume unterschiedlicher Größe am Ost- und Westgiebel. Beispielgebend wirkt die kleine Bohlenstube in der Nordwestecke (15) mit erhaltener stichbogig gewölbter Brettbalkendecke und die große Bohlenstube in der Südostecke. Im Zuge der rekonstruktiven Erneuerung erhielt der Dachaufbau sein bauzeitliches Erscheinungsbild mit beidseitigem Krüppelwalm. Die Mischkonstruktion aus Sparren- und Pfettendach wurde 1936 in Anlehnung an den vorgefundenen Baubestand völlig neu ausgeführt.
Markant an der Südostecke der Stadtbefestigung steht der als Wehrturm im späten 13. Jahrhundert erbaute sogenannte Wasserturm. Mit dem um 1483 errichteten Fachwerkobergeschoss gehört er zur spätmittelalterlichen Burganlage und bildet mit dieser eine Einheit. Am Wasser der in die Eyach einmündenden Steinach aufgebaut, wirkt der Turm mit seinen fünf Geschossen und dem spitzen Helmdach eher grazil (Außendurchmesser 7,5 Meter, Höhe Sohle bis Dachgesims 17,35 Meter, Dachhöhe 9,4 Meter). Sandsteinmauerwerk, Gesimsgliederung, Schießscharten, ein spätgotisches Maßwerkfenster und das Fachwerk des obersten Geschosses prägen das unverwechselbare Erscheinungsbild. Durch den Einbau von Gefängniszellen um 1825 – genutzt bis 1911 – sind die sich heute darstellenden Raumzuschnitte entstanden. Vom östlichen Zwinger führt eine schmale Treppe hinunter zum ersten Geschoss. Der Grundriss mit bis zu 1,75 Meter starken Mauern ist kreisrund, besitzt vier Schießschartennischen für Hakenbüchsen und ist kuppelüberwölbt.
Das obere Untergeschoss (22) liegt auf dem Niveau des östlichen Zwingers. Es weist analog zu dem darunter liegenden einen runden Grundriss mit Kuppelgewölbe und vier breiten Schartennischen auf. Eine Trennwand gliedert die Geschossebene in einen schmalen Vorraum, einen Vorheizraum und die Gefängniszelle.
Vom südlichen Zwinger führen sieben Stufen zum Eingangsportal des erhöht liegenden Erdgeschosses (23). Das profilierte Sandsteingewände mit gekreuztem Rundstab weist auf einen ursprünglich bedeutsamen Innenraum mit sechseckiger Innenfläche hin: eine Kapelle. Von dieser ist vor allem noch das spätgotische, sandsteinerne Maßwerkfenster mit Flamboyant an der Ostseite des Turmes erhalten geblieben. Mit einer Holzbalkenlage flach gedeckt besitzt der Raum vier Scharten- und eine Fensternische. Wände trennen die Gefängniszelle vom Vorheizraum (7) und Vorraum mit steiler Holztreppe zum darüber liegenden Geschoss. Reste von Wandsäulenvorlagen mit Basis und Übergängen zu gekehlten Rippen verweisen auf die ursprüngliche Einwölbung mit einem Netzgewölbe.
Im ersten Obergeschoss (24) sind die Wände der Gefängniszelle polygonal vor die nun schwächere Außenwand gestellt. Der Vorraum kann sowohl über die vom dritten Geschoss führende Treppe als auch vom Verbindungssteg (12) des Schlosshauptbaus erreicht werden. Ursprünglich führte dieser Steg lediglich zu einem das Gewölbe außen umlaufenden Gang und über eine Treppe hoch in die nächste Ebene. Das zweite Obergeschoss (25) mit aufgesetzter spitzer Helmdachkonstruktion (Höhe 9,4 Meter) wurde bauzeitlich gänzlich in Ständerbauweise erstellt. Schwellen, Riegel und Rähm folgen dem kreisrunden Grundriss und sind gerundet bearbeitet.
Das 1649/1650 errichtete Reiterhaus (C) bildet auf der gesamten Breite den nördlichen Abschluss der Kernanlage. Es ist dreigeschossig, satteldachgedeckt und mit einfachem konstruktiven Riegelfachwerk. Sein hofseitig weit vorkragendes Dach weist auf den ehemals vorhandenen Laubengang auf zwei Ebenen mit Verbindung zum Wehrgang hin. Im Erdgeschoss gab es „Reiterstub und Kammer, Haus Ehrn (Flur), Badstible, Speisekammer“ und eine große Küche, in den Obergeschossen Stuben und Kammern. Seit 1922 wird das Reiterhaus als Jugendgästehaus der Stadt Balingen genutzt.
(Dr. Christoph Morrissey)
Die hohe Dichte an Burgen, Schlössern und Ruinen im Zollernalbkreis steht in engem Zusammenhang mit der besonderen Landschaft des UNESCO Geopark Schwäbische Alb. Ihre Entstehung geht auf die geologische Entwicklung der Region zurück: mächtigen Kalksteinschichten aus der Jurazeit wurden durch Hebung und Erosion zu einer markanten Schichtstufenlandschaft mit Felsen, steilen Hängen und exponierten Anhöhen geformt.
Diese natürlichen Gegebenheiten boten ideale Voraussetzungen für den Burgenbau. Höhenlagen ermöglichten Schutz und Kontrolle zugleich: Steile Flanken erschwerten Angriffe, während die exponierte Lage weite Ausblicke über das Umland eröffnete. Burgen wurden daher gezielt auf Felsen, Bergspornen oder isolierten Kuppen errichtet – häufig in direkter Verbindung mit dem anstehenden Kalkstein.
Ein prägnantes Beispiel ist die Burg Hohenzollern, die weithin sichtbar auf dem Zollerberg thront. Als Zeugenberg dokumentiert er die frühere Ausdehnung der Albtafel nach Nordwesten. Auch zahlreiche weitere Anlagen im Zollernalbkreis nutzen die topografischen Vorteile der Alb und prägen bis heute das Landschaftsbild.
Die Burgenlandschaft ist damit Ausdruck des engen Zusammenspiels von Geologie und menschlicher Nutzung. Im UNESCO Global Geopark Schwäbische Alb wird dieser Zusammenhang besonders deutlich: Die charakteristischen Felsen und Höhenzüge sind nicht nur landschaftsprägend, sondern auch Grundlage einer jahrhundertealten Bau- und Siedlungsgeschichte.
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Stefan Uhl, Der Wasserturm am Zollernschloss in Balingen, in: Burgen und Schlösser 42.2 (2001), Seite 99-106.
Ingrid Helber, Kunst- und Kulturdenkmale im Zollernalbkreis (Zollernalb-Profile Reihe B, Band 1) Stuttgart 2001, Seite 64-65.
Stefan Uhl/Hans Schimpf-Reinhardt, in: 750 Jahre Stadt Balingen, 1255-2005 (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Balingen 7), Balingen 2005, Seite 119-150.
Stefan Uhl, Die Burgen der Grafen von Zollern in der Herrschaft Schalksburg, in: Andreas Zekorn/Peter Thaddäus Lang/Hans Schimpf-Reinhardt, Die Herrschaft Schalksburg zwischen Zollern und Württemberg, Epfendorf 2005, Seite 139-186, besonders 158-185.
Günter Schmitt, Burgen, Schlösser und Ruinen im Zollernalbkreis (Zollernalb-Profile Band 3, Schriftenreihe des Zollernalbkreises) Ostfildern 2007, Seite85-96 (Pläne).
Volker Trugenberger, Hohenzollern, in: Handbuch Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich, Band 15.IV, Grafen und Herren, Göttingen 2012, Seite629-647, besonders 640-641 und 646-647.
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1300 bis 1500
Gut erhalten
Für Familien, Highlights
frei zugänglich
Zollernschloss und Waagenmuseum - Balingen
Anschrift: Schloßstraße 6, 72336 Balingen
Telefon: +49 7433 170119
E-Mail: Touristinfo@Balingen.de
Bitte beachten Sie die Öffnungszeiten des Waagenmuseums
Zollernschloss - Balingen
Georeferenzierung:
48.271102, 8.851411
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